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Der Alltag auf Chios im Mai 2012

Von Kassandra60

Wo ist sie nur, die Krise in Griechenland? Hier auf Chios scheint es sie – auf den ersten Blick – nicht oder noch nicht zu geben. Die Tavernen und Kafenia sind immer noch gut besucht und ganz besonders fallen uns die vielen Szene-Cafés auf, die schon mittags brechend voll mit jungen Leuten sind. Hier ist doch keine Krise, mag sich der eine oder andere denken. Die Getränke hier (z.B. 3 – 3,50 € für einen Frappee oder Cappuccino) sind doch nicht gerade billig. Wie bezahlen sie das alles? Und – arbeiten sie nicht? Wieso können die alle hier tagsüber rumhängen? Im benachbarten Teil „Bella Vista“ steppt der Bär die ganze Nacht hindurch und Willi schüttelt nur immer verständnislos sein Haupt.
„Nein, die können mir hier nichts von Krise erzählen, solange sie das Geld mit vollen Händen ausgeben.“ In der Tat fällt es einem auf den ersten Blick schwer, diese Bilder in die derzeit finanzielle Situation Griechenlands einzupassen. Wir wollen es verstehen, machen uns Gedanken darüber. Schilderungen aus den 20er Jahren kommen mir in den Sinn: verhielten sich die Menschen in der großen Weltwirtschaftskrise nicht genauso wie heute die lebenshungrigen jungen Leute in Griechenland? Wollen sie den Ernst der Lage nicht sehen oder können sie es nicht oder wollen sie noch einmal so richtig auf den Putz hauen, bevor alles endgültig den Bach runtergeht? Verpulvern sie nun ihre letzten Cents? Verstehen könnte ich es schon irgendwie.
Seit gestern stürmen sie auch hier die Banken, jeder will noch sein Erspartes abholen, bevor die Geldinstitute nichts mehr auszahlen können. Welch eine Katastrophe, wo soll das alles noch hinführen?
Mit einigen Leuten haben wir hier ausführliche Gespräche geführt, die uns einen kleinen Einblick in die veränderte Situation von normalen Angestellten gewährten. Da berichtete beispielsweise die Verkäuferin eines kleineren Ladens, dass sie immer für 3 Tage Pasta koche, nur Pasta, denn Nudeln seien billig. Sie arbeitet 6 Tage in der Woche jeweils 9 Stunden und als ihr vor einigen Monaten gekündigt werden sollte, da kämpfte sie darum, für 400 € (Monat) bei dieser Stundenanzahl weiter arbeiten zu dürfen. „Du kannst froh sein, wenn ich die Krankenkassenbeiträge für dich bezahle, ansonsten kann ich dir nichts mehr zahlen“ war die Antwort des Ladenbesitzers. Man könnte heulen. Was sie denn nun verdient oder auch nicht, das habe ich nicht mehr zu fragen gewagt. Und dann erzählte sie mir von ihrem Bruder in Athen und schilderte die Situation der hungernden Menschen auf der Straße und dass mittlerweile – Gott sei Dank – wenigstens Speisereste nicht mehr in die Abfallbehälter gekippt würden, sondern in kleinen Plastiksäckchen in die Bäume gehängt würden, damit den Hungernden die unwürdige Wühlerei in den Müllcontainern erspart bliebe.
Manchmal treffe ich mich mit Irini, der jungen Tochter eines Bekannten. Sie kann ihre Zeit nicht in den Cafés oder Shops der Stadt verbringen, sie arbeitet hart im elterlichen Betrieb. Sie glaubt, dass sich viele der jungen Leute immer noch gar kein richtiges Bild vom Ernst der Lage machten und sie schauen alle hoffnungsvoll auf die Syriza.
Egal, mit wem wir bisher gesprochen haben, alle sagten, dass sie genau wüssten, wen sie im Juni wählen werden, damit es ihnen besser gehe und NEIN, es ist auf keinen Fall die ND und auch nicht die PASOK. Und überall, in jedem Kafenion, in jeder Taverne, in jedem Bus – es gibt nur ein einziges Thema, die Politik und die Politiker.
Griechenland, Griechenland, quo vadis?
Jeder fragt uns zwar, woher wir kommen, doch niemand, absolut niemand hat uns bisher beschimpft oder blöd angemacht.
Um der Menschen willen bin ich doppelt froh, hierhergekommen zu sein und irgendwie scheint es so, als wären wir in unseren Herzen noch ein Stückchen näher gerückt.

Geschrieben 17.05.2012, Geändert 17.05.2012, 1778 x gelesen.

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Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar von Ango vom 19.05.2012 20:04:09

Hallo Kassandra,

sehr schöner Artikel, der die Realität wirklich raus bringt. Das erinnert mich an meinen Urlaub im Mai 2011 auf Aegina. Da hat mich schon gewundert, das die jungen Leute alle in den Cafe´s morgens ihre Zeit verbrachten und ihr Geld ausgaben. Die Preise sind ähnlich dort - Frappee 2,50 €.
Es gab da schon eine kleinere Demo, aber die jungen Leute, die dran teilnehmen sollten, haben sich nicht gerührt. Ich glaube sie hatten die Lage noch nicht erkannt, hat sich inzwischen ja verändert, jedenfalls in Athen.

Ich glaube auch nicht, das man auf den Inseln angepöbelt wird. Ich habe nur in Piräus viele Brillenverkäufer etc. entdeckt, die 2010 noch nicht da waren und das Gefühl verspürt, das sich was ändert.

In Athen sah ich ein ähnliches Bild. Junge Leute fahren grosse Autos (keiner geht ja in Griechenland zu Fuss ;0) ), zahlen für den Frappee bis zu 6 € (unverschämter Preis finde ich).

Ein griechischer Freund von mir hat auch 3 Jobs, um überhaupt zu überleben, aber das schon viele Jahre. Das ist also nicht neu, sondern das war immer so dort, weil ja der Verdienst sehr klein ist.

Vielen Dank für deinen Artikel!!
Ango


Kommentar von Kassandra60 vom 18.05.2012 13:54:08

Hallo Schalimara,
solche bewundernswerten Leute wie „deine“ fleißige Maria habe ich schon vor vielen Jahren (sowohl in Athen als auch auf Chios) kennengelernt. In meinem Bekanntenkreis kenne ich niemanden, der nicht schon immer 2 oder 3 Jobs hatte, auch schon vor der Krise. Ich habe sie immer bewundert, dass sie noch so viel Lebensfreude ausstrahlten. Jetzt scheint es aber so, als würde ihnen trotz 16-stundenjobs am Tag auch noch die elementarste Lebensgrundlage entzogen. Das ist mehr als bitter.

Hallo King Nestor 3
die Frage stelle ich mir schon seit Jahren. In D kann ich es mir nicht erlauben, täglich 3 € (6 Mark!!) für einen Cappuccino auszugeben.
Die Winter verbringen wir (aus gesundheitlichen Gründen) im Süden Andalusiens. Dort kostet der Cafe con Leche 1 € und ist auch für einen normalen Andalusier erschwinglich. Das Bier (0,3l Glas) kostet 1,40 bis 2 € einschließlich eines häufig richtig großen Tapas. Bei 2 Glas Bier hast du dann schon gleich dein Mittagessen eingenommen. Das ist das krasse Gegenteil der griechischen Preispolitik.
Mein Mann glaubte früher immer, in den Kafenia gäbe es unterschiedliche Preise, denn DIESE Preise, die könnten doch nie und nimmer von einem normalen Salär in GR bezahlt werden.


Kommentar von Naxiotin vom 18.05.2012 09:39:30

Vielen Dank für deine Schilderung.
Schlimm, wie der wirkliche Alltag in GR aussieht.

Gruß Naxiotin


Kommentar von king nestor 3 vom 18.05.2012 09:31:55

Danke, sehr guter Bericht. Er zeigt auch auf, wo Griechen ein Problem haben. Muss denn ein Frappé 3,--€ (in richtigem Geld sind das 6,--DM!) kosten? Und das, obwohl der griechischen Normalbevölkerung das Geld ausgeht. Zumal die Grundsubstanzen dieses Getränks nur wenige Cent kostenr ein kleines. Dais ist nur ein kleines Beispiel, aber es zeigt, wie sich die griechische Gesellschaft spaltet. Der eine macht super Gewinne, andere bleiben außen vor.


Kommentar von Schalimara vom 18.05.2012 08:42:07

Deine Schilderung bestätigt das, was wir im September schon auf Chios erlebt haben. Die Cafes sind voll als gäbe es keine Kriese. Viele aber Arbeiten sehr hart wie z.B. Maria - sie hat ihre Pension - putzt selbst und versorgt ihre Gäste. Ab 11 Uhr öffnet sie Ihren kleinen Laden bis zum späten Abend und oft hilft sie am Abend noch in der Taverne ihrer Schwiegereltern. Sie rackert sich ab, um zu überleben - und trotzdem bleibt sie fröhlich. Aber sie ist auch verärgert über die Sorglosigkeit vieler jungen Leute und schimpft auf das System - und sie ist kein Einzelfall. Meine Hochachtung für diese Kämpfernaturen.....und davon gibt es zum Glück noch viele in Griechenland.
Gruß Schalimara


Kommentar von Kassandra60 vom 18.05.2012 07:58:20

Liebe Seegrube,
wie Recht du hast - auch die Syriza wird es nicht richten können. Aber ich höre von allen, dass sie keine andere Wahl hätten. Zu tief ist der Hass mittlerweile auf die ND und die PASOK. Allerdings meinte Irini gestern, dass die älteren Menschen wohl doch eher die beiden etablierten Parteien wählen würden, sie fürchteten sich vor dem Neuen. Aber eines ist sicher, sie haben alle Angst und Wut und niemand weiß, ob sie in den nächsten Wochen noch an ihr Geld kommen, wenn die Banken nichts mehr haben.
Auch wir fürchten mittlerweile, dass es Probleme geben könnte, wenn wir Bargeld abheben wollen. Derzeit haben wri noch ein paar Euros und für heute will ich einfach mal den Kopf in den Sand stecken.
Es regnet heute und ich werde mich gleich zum Gedankenaustausch in den kleinen Laden mit der netten Verkäuferin begeben.
Jassou - Kassandra


Kommentar von Richi vom 18.05.2012 00:06:21

Super beschrieben,
danke für diese hautnahe Schilderung!

Gruß,
Richi


Kommentar von roberti vom 17.05.2012 22:56:02

danke, ist ein bericht wie es leider so läuft!
liebe grüsse
robert


Kommentar von Juls vom 17.05.2012 22:39:38

Danke Kassandra,

schoen das auch mal wirklich Erlebtes beschrieben wird!

Lieben Gruss
Juls