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Ios - vor 40 Jahren

Von Xristo

1972 - Die Ankunft mit der ELLI auf Ios, nach Halt in Paros und Naxos erfolgte spät am Abend. Wir beeilten uns als Erste vom Schiff zu kommen. Der Hafen war dunkel, nur wenige Leute waren am Anleger. Man sah nur ein paar spärliche Leuchten am kleinen Hafen, oben am Berg flimmerten die Lichter der Chora. Christian stapfte vorweg, Monika und ich mit unserem schweren Segeltuchsack hinterher. Es war eine schöne klare Vollmondnacht. Der Weg führte erst eine halbe Stunde hinauf zur Chora, dann am Ort vorbei auf einem Eselspfad hinunter in die Dunkelheit nach Milopota, wo wir bei den sagengestalten Maria und Panajotis wohnen sollten. Da der weg mondhell erleuchtet wurde, benutzten wir die Diretissima, einen kleinen Eselspfad direkt hinunter zur Bucht. Und gleich am Ende des steilen felsigen Weges lag, uns sozusagen den Rücken zukehrend die Pension, das Estiatorion "H Elpis ". Eine Petroleumlampe erleuchtete eine ziemlich lustige Runde an einer langen Tafel, von der wir mit grossem Hallo begrüsst wurden, als seinen wir alte Freunde. das sind wir dann auch geworden. Ulla, Klaus und Holger, Maria und Panajotis, Evangeli.

Am nächsten Morgen: Aufwachen - Tür öffnen - Blick aufs Meer und den Strand. Tolles Frühstück auf der Terrasse. Gebadet und getaucht. Abends mit Retzina Besuch bei Peter dem Maler in Panajotis´ Landhaus. Wind + Wellen. Kurzer Gang über die Felsen, gemeinsames Zeichnen mit Ulla, Klaus, und Holger. Maria bietet tolles Essen mit Dolmades und Kalamarakia. Die Abende sind sehr lang, da ausdauernd geredet wird.
Spaziergänge zum Haus von Jean Marie, dem französischen Regisseur. Viele beindruckende Bilder und Keramik aus Maroussi, zurück geschwommen, hinauf zur Chora, wieder hinunter zum Hafen und um die grosse Bucht zum einsamen Koumbara-Strand. Zurück im Kaiki.

Morgens um sechs klopft Panajotis an die Tür, ich fahre mit hinaus, um die am Abend ausgelegten Netze einholen. Rhythmisch, schweigend, zieht er das Netz, während ich zusehe. Plötzlich wird er unruhig, aufgeregt, beginnt, Befehle zu rufen, die ich nicht verstehe. Und dann holt Panajotis den Fang seines Lebens aus dem Meer: 1 Astakos, 1 Rina, 11 Tunfische. "Bravo, Christian, Psara!" Ist alles was er sagt. Aber noch 2001, bereits achtzigjährig, wird er sich mit leuchtenden Augen daran erinnern und sagen: "Jiassou psara!" Seine Augen glänzen. Das war eine Aufregung! Wir haben ganz Milopota mit unserem Geschrei geweckt. Die Tunfische werden sofort in Eis gepackt nach Athen geschickt. Abends zum ersten Mal Astakos gegessen. (Im Griechischen ist eine Languste eine verheiratete Frau, die hinter den Männern herschielt)
Schon am nächsten Morgen gehts nochmal früh hinaus zu den Netzen. Eine Wiederholung des Erfolges vom Vortag ist nicht gelungen. Trotzdem wars guter Fang. Panajotis zeigt mir, wie man einen Fisch ausnimmt, das Schwierigste ist eigentlich in das Gewabbere zu greifen und den ganzen Verdauungstrakt mit einem Mal herauszunehmen.Klaus+Ulla zum Hafen begleitet, auf die ELLI gewartet, mit der die beiden nach Paros fahren. Zurück zu Fuss durch die Hitze hinauf zur Chora und entlang der Mühlenkette die steinigen Diretissima zurück zum Strand.

1973 - Bei der Ankunft auf Ios fielen die Veränderungen sofort ins Auge. Es gab nun eine Strasse und einen Bus. Diese ignorierten wir und begaben uns zu Fuss auf den vertrauten Weg hinauf zur Chora und hinunter nach Milopota.
Uns war kalt und etwas ungemütlich. Wir bewohnten Zimmer 6+7 unten. Es ist sehr laut, da viel geredet wird. Wir zeichneten viel und wanderten täglich zum Hafen oder zur Chora. Das Wetter besserte sich von Tag zu Tag, war aber noch nicht beständig. Immer noch Vollmond, helle Nächte. Die Zeichnerei liess langsam nach. Es war auch garnicht mehr so wichtig. Dafür ging ich mit Panajotis zum Fischen. Bei Vollmond ist das weniger erfolgreich, da die Fische das Netz sehen können. Anschliessend Wanderung um die Hafenbucht nach Koumbara. Langsam wurde das Wasser auch wärmer.
Exkursion mit Nikos´ Kaiki mit 20 anderen Leuten nach Katapola auf Amorgos. Am Hafen lud man Kühe mit einem Kran auf ein Kaiki. Mit den Taxi hinauf zur Chora. Gutes Essen. Danach Gewaltmarsch in der Mittagshitze zum Kloster Chosoviotissa, das sich an der steilen Nordküste weiss in den Felsen schmiegt. Fantastisch. Wir wurden von dem einzigen Mönch in der Kühle der dicken Mauern mit Schnaps und Gliko bewirtet. Zurück um 20 Uhr. Passieren Koufonissi, Schinoussa, Heraklia. Der Tag wurde mit einem Festessen in Milopota beschlossen, wo wir die Ankunft von Holger, Christian, Uschi und Robert feierten. Volker und Karin reisten am nächsten Tag ab, wir begleiteten sie zum Hafen. Abreiseritual bis 9:00. Sie fahren zurück mit der Elli. Abends bei Yannokari zum Essen mit Musik und Tanz, guter Wein und Käse.
Unsere Abreise diesmal mit dem Aktaion-Kaiki zum Hafen nach herzlichem Abschied von Maria + Panajotis. Mit der Elli über Naxos nach Paros.

1978 - Der Tag auf Ios beginnt mit Fischen, um 6°°, wenn die Berge noch im Dunst verborgen sind. Bei vollkommener Stille fahre ich mit Panajotis wie gewohnt hinaus. Draussen ausserhalb der Milopotabucht ist es sehr windig. Zum Glück habe ich eine Gummihose an. Die Netze, am Abend vorher ausgelegt, ca. 600 m lang, müssen über die Rolle am Bug hochgezogen werden. Panajotis steht am Heck und legt das Netz, das ich hochziehe, in eleganten Schlaufen. Meine Hände beginnen zu schmerzen und ich werde langsam nass. Viele kleine Fische, 2 Kalamari sind in der Nacht ins Netz gegangen, manche sind schon angefressen. Ein kleiner Astakos ist schon in Gedanken auf meinem Teller. Plötzlich wird das Netz schwer. Wie beim grossen Fang vor 5 Jahren wird Panajotis aufgeregt, springt nach vorne und packt den über der Bordwand auftauchenden langen Schwanz des 30 kg schweren Rina (Manta). dann gehts stolz zurück. Panajotis strahlt über das ganze Gesicht. Als ob ich ihm Glück gebracht habe. Auf sein Pfeifen kommen Jorgos und Maria. Grosses Hallo beim Ausladen - kein Fischerlatein. den ganzen Nachmittag sitzt Panajotis auf den Felsen vor dem Haus um mit einem kleinen Küchenmesser die zähe lederartige Haut streifenweise vom Fischlaib abzuziehen. Die Aussicht auf Maria´s Kochkunst, macht uns den Mund wässrig, gegrilltes Rina-Steak, herrlich.

Kelle, Hammer, Wasserwaage und Schnur, das sind bei uns grundlegende Werkzeuge beim Hausbau. In Griechenland allerdings scheint der Gebrauch von Wasserwaage und Schnur zu den verabscheuungswürdigen Missetaten zu gehören und verboten zu sein. Der Zollstock - to metro - wird anscheinend auch nicht gern gesehen. Als besondere Spezialität sehe ich den Treppenbau. Die Baumeister scheinen ihren ganzen Ehrgeiz darein zu legen, die grössten Steigungen auf kleinstem Grundriss zu überwinden. Ein gutes Beispiel ist die Treppe von der oberen Galerie auf die oberste Terrasse, von der aus man das Zimmer No 1 von Ulla und Klaus erreicht. Wechselnde Stufenhöhen und Steigungen von 30:15 cm sind grundsätzlich möglich. Bauordnung, Statik, unsere anerkannten Regeln der Baukunst existieren hier nicht in dem Land, in dem vor 3000 Jahren die Grundlagen unserer Baukultur gelegt wurden.

In meinem Netz, dass ich bei einem meiner Schnorchelgänge fand und über ein Felsenloch gelegt hatte, haben sich ein Skorpina und ein kleiner Bärenkrebs verfangen. Heute kommt also Fisch auf den Teller. Panajotis zeigt mir das fachmännische Ausweiden des Fisches was garnicht so eklig ist, wie ich mir vorstellte. Man schneidet mit einem scharfen Messer mit einem Schnitt den ganzen Bauch auf und entnimmt mit einem Fingergriff sämtliche Innereien auf einmal.

Seit ein paar Tagen wohnen wir im Anbau an den Anbau an die Erweiterung. In diesem Jahr neu: es gibt Zimmer mit Dusche und Toilette. Vor der Tür parkt nun ein Fiat, ein neues Boot für Panajotis liegt am Steg. Maria kocht unverändert gut. Der Wind hat gedreht, das bedeutet das Ende des lang andauernden Nordwindes. Die Hitze steigt nun zu Kopf. Catharina macht das alles garnichts aus, denn sie sitzt mit der neuen Taschenlampe im Schrank!

Es wird brütend heiss. Jorgos hat den Strom abgestellt. Nun beleuchten wir unser Zimmer wieder nach Altvätersitte mit der Petroleumlampe. Hier in Milopota ist die öffentliche elektrische Versorgung erst für 1990 vorgesehen. Bis dahin hat eben jedes Haus einen eigenen Diesel zur Selbstversorgung in irgendeinem Schuppen laufen. Man kann sie nicht hören, da die Beatles oder Pink Floyd lauter sind (kriegerische Auseinandersetzung mit Musik), es sei denn man hat das Zimmer direkt neben dem Dieselverschlag. Der Kontrast ist sehr stark. Die Musik dudelt den ganzen Tag - stereo, links die Beatles, rechts Pink Floyd! Ruhe erfährt man erst beim Gang in die Felder und Gärten. Der Ruhebegriff ist natürlich subjektiv, denn dort schwillt die Luft vom Geschnarre der Zikaden. Diese Tiere haben die Grösse von Maikäfern, dick und schwarz. Ein Maikäfer landete soeben auf unserem Tisch. Dunkelbraun mit gelben Flecken. Der Strand füllt sich, es wird Zeit, dass wir uns davonmachen.

Mein kleines Skizzenbuch diesen Jahres zierte auf dem rückseitigen Kartondeckel eine Aufmaßskizze der Terrasse des Restaurants von Maria und Panajotis. auch hier sollte aufgestockt werden, die Anschlussbewehrung war ja schliesslich vorhanden. Die Skizze ist verloren gegangen.
Jeden Morgen von 8°° bis 11°° sitzt Panajotis auf den Felsen am Wasser, um die Fische, die am Morgen im Netz waren, für die Küche vorzubereiten. Heute ist er um 4°° aufgestanden, um das Netz einzuholen, das diesmal nachts vor der Bucht von Manganari im Nordosten lag. Nach der Arbeit geht er in den Garten. Der Tag wird mit Kartoffelschälen beschlossen.
Nach der letzten Kartoffel fallen ihm die Augen zu.
Wir beschliessen nach Naxos abzureisen.

Geschrieben 17.09.2015, Geändert 18.09.2015, 1908 x gelesen.

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Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar von Richi vom 18.09.2015 21:03:24

Huch, das ist ja schrecklich! Mit Xristo ist ein Fischer verloren gegangen? Vielleicht über Bord gespült?
Oder meinst du, "an Xristo ist ein Fischer..."
Egal. Auf jeden Fall ein toller Bericht. Ich spüre die Atmosphäre einer auf- und anregenden Zeit


Kommentar von Xristo vom 18.09.2015 10:42:48

So hat jeder Mensch verborgene Fähigkeiten!
Aber das Ausnehmen der Fische ist nicht meine Kernkompetenz.

Xristo


Kommentar von kokkinos vrachos vom 18.09.2015 10:35:49

Moin Xristo, Berichte von "Früher" lese ich immer gerne. 1972/73 habe ich noch im Sandkisten gespielt.

Ich glaube mit dir ist ein Fischer verloren gegangen......

vg, kv