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Entwicklung der Architektur

Von Xristo

KEDROS und ARCHITEKTUR (o kédros = Zeder)
Mein mühsam erweiterter Aktionsradius reicht nun schon bis zum 20 min entfernten Kédros-Strand, dem inoffiziellen Camping. Einige Zelte quetschen sich an die Mauer, aber auch erste Ansätze von anonymer Architektur - "Architecture without architects" (Bernhard Rudofsky) - entdeckt der Forscher. Der Übergang vom Nomaden zum Sesshaften. In der ersten Entwicklungsphase werden Laken ausgebreitet, um das eigene "Grundstück" zu markieren, das Feldlager des Jägers und Sammlers, 4 Steine auf den Ecken gegen Windverwehungen. Danach beginnt der urmenschliche Kampf gegen die Unbilden des Wetters, hier gegen die Sonne. Die Bewohner flechten Zufallsmaterial zusammen, Kalamistangen, Folien, Tücher und Zeltbahnen, markieren das eigene Terrain mit Steinen. Beginn der bäuerlichen Kultur.

Das perfekteste "Haus" gehört Christos, einem Juristen aus Athen. Noch ist er nicht ganz damit fertig, aus seinen über Jahre angesammelten Baumaterialien, die über den Winter bei Elias in Sicherheit gelagert wurden, seine Hütte neu zu errichten. Schon steht jedoch ein erstes Möbel vor der Tür, ein roh zusammengesetzter Sessel. Anbauen wird er jedoch nichts, es sei denn, Hopfen würde hier gedeihen.
Während er um 11 Uhr noch schläft, beobachte ich erste Anfänge räuberischen Verhaltens in der menschlichen Gesellschaft. Ein am Vortag angereister wildfrisierter "Anarchistos" holt sich, was er für sein eigenes Lager benötigt, unbekümmert von Christos Baustelle, wie Elstern sich gelegentlich auch an fremden Nestern bedienen. Christos, endlich aufgewacht, bemerkt den Diebstahl, eine heftige Auseinandersetzung folgt mit der Einweisung in die Gesetze des Strandes, der Anarchistos meint, er sei Italiener und am Strand gäbe es kein Eigentum.

Ich errege heftigsten Unwillen bei einem anderen sesshaften Strandbewohner, als ich seine kreative Behüttung aus Kalami, Folien und Zelt fotografiere. Eine detailreiche Konstruktion. Das "Fenster" hat einen zuziehbaren "Fensterladen".Meister Stavros sitzt in seiner Werkstatt und schnitzt ein kleines Relief nach antikem Vorbild in ein Stück Olivenholz. Für den Athener Markt. Ich gebe mich als langjähriger Donoússafreund zur erkennen und gelte nun nicht weiter als Tagesvoyeur, er entschuldigt sich für sein unhöfliches Betragen.
Die nächste Stufe der Entwicklung ist die Ausgestaltung der Behausung mit Mobiliar, Regalbrettern zum Verstauen des Besitzes, Haken für Spiegel und Garderobe, ein Mäuerchen aus Strandkieseln für das Depot der lebenspendenden Wasserflaschen. Ein gutes Beispiel, das Domizil von Stavros, dem Schmuckfabrikanten. Das Leben spielt sich im Kleinen ab: Auf meinem Weg begegne ich einem Bewohner mit seinem Söhnchen. Unten am Strand hockt Frau "Ureinwohnerin", beaufsichtigt das Jüngste, wäscht die Wäsche und bereitete das Essen für die zurückkehrenden Männer zu. Die Emanzipation verdorrt unter der Sonne! Archaisch!

Wie geht's weiter mit der Architektur? Einen Entwicklungssprung kennzeichnen die Hütten der Ziegenhirten aus unbehauenen Steinen, einem Dach aus knorrigen Olivenholzbalken, Kalami (Schilf) und Lehm, mit einer Türöffnung. Die einfachste Form eines Hauses, wie es auch in der geometrischen Siedlung in Vathí Limenári vor 3000 Jahren ausgesehen haben mag. Diese Hütte wird im Laufe der Zeit bis zum Auftauchen der Betonstützenbauweise weiterentwickelt, durch Erweiterungen um zusätzliche Zimmer, für Mensch und Tier getrennt - Ziegen stinken fürchterlich - Einbau von Fenstern. Bemerkenswert aber auch, dass diese einfache Hausform, das Naos, versehen mit ein paar Säulen, die Urform des Griechischen Tempels wurde.

Und heute? Es wird immer noch ohne Architekten gebaut, nur zum Berechnen der Konstruktion benötigt man einen Spezialisten, allerdings nur, weil die lästige Obrigkeit es verlangt. Gebaut wird weiterhin nach Gutdünken. Man nimmt's wie es kommt und wie es steuerlich und gesetzmäßig "konform" ist. Beispielhaft sind die Bewehrungseisen, die aus den Dächern sprießen. Posse der Steuergesetzgebung: solange das Haus nicht fertig ist, müssen keine Steuern gezahlt werden! Baut man auch eine Kapelle, dann ist das Bauen auch in Außenbezirken möglich. Doch achte man darauf, dass keinesfalls vorher ein Wald auf dem Grundstück nachweisbar ist.

Nach wie vor werden ausschließlich eigene Bedürfnisse erfüllt, der o.g. Diebstahl des "Anarchistos" funktioniert heute subtiler: man baut ohne Baugenehmigung, man nimmt dem Nachbarn die Sicht, man baut zu nah an die Grenze. Man hat nicht gelernt, Respekt zu haben. Das beschränkt sich nicht etwa nur auf die Insel Donoússa.

© Xristos 2010

Geschrieben 09.08.2010, Geändert 10.08.2010, 3701 x gelesen.

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Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar von Richi vom 12.08.2010 21:58:53

Kleine Korrektur: außer Hopfen würde Christos auch Malz vor seiner Hütte anbauen. Vorausgesetzt, daraus entstünde Heineken Bier. (Amstel ist im zuwider).