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Fischer-Romantik

Von Janis74

Die Nacht hatte ein schnelles Ende, dank der durchgeknallten Dorfhähne und dieses pelzigen Geschmacks auf der Zunge. Der Körper wog schwerer denn je, als sei der Fusel zu Blei geworden. Und der Verstand, der sich mit jeder Minute mehr ins Großhirn zurück kämpfte, ließ keinen Zweifel daran: Diese vor vier Stunden geborene Idee war vor allem eines: Scheiße.

"Nimmst Du mich morgen mit zum Fischen?" Das hatte ich ihn bei meiner Rückkehr aus der Taverne gefragt - ohne groß nachzudenken, denn das gewöhnt man sich mit der Zeit ab auf dieser Insel.

S. zog die Augenbrauen hoch, dann an seiner Zigarette und lächelte den Qualm in die Nacht. "Janis, das ist zu früh für Dich. Nein, nein…
Viertel vor sechs - schaffst Du das?"

"Natürlich, sicher doch, endaxi!" S. griff zur Plastikflasche und machte noch mal die Weingläser mit Raki voll. Dass das Zeug mit Wasser verdünnt war, spielte keine Rolle mehr. Es würde so oder so ein schwerer Morgen werden.

S. saß genau dort, wo wir uns zuvor "Kalinichta" gesagt hatten und qualmte seine Morgengrauen-Marlboro. Ein leises "Kalimèra", dann gingen wir stillschweigend zum Hafen, wo M. schon auf seinem Boot wartete. Wahrscheinlich, dachte ich, geht es morgens allen so, die aufs Wasser wollen.

Man könnte so eine Fischertour durchaus romantisch schildern:
"Der noch frische, salzgeschwängerte Seewind, in den sich ab und an ein paar Schwaden des Diesel-Motors mischten, roch nach Aufbruch…"

Oder so: Das Einholen der beiden Netze dauerte jeweils eine Stunde. Erst in der Nähe der Kedros-Bucht, dann unterhalb von Mersini. Eine ganz monotone Arbeit, abgesehen von dem ein oder anderen Octopus, der auf die Holzplanken platschte und dann einen gezielten Schnitt mit dem Messer abbekam. Eine Zeit, in der das Boot nahezu auf der Stelle stand und munter vor sich her schaukelte. Als würde man nach sieben Bratwurst auf der Kirmes "Happy Sailor" fahren. Und der Magen tanzte Tzaziki, während in den Netzen der zappelnde Todeskampf von Barbouni, Scorpiones und Co. weiterging. Mir wurde schlecht.

M. und S. wechselten fast kein Wort miteinander. Nur wenn sich ab und an das Netz in der Winde verhedderte, murmelte S. etwas Unverständliches. Dabei schien es, als klebte die Marlboro an seiner Lippe.

Der kräftige, zuckersüße Kaffee, den M. auf dem kleinen Gaskocher zubereitet hatte, brachte endlich wieder Leben in den Körper. Dann legte M. den Vorwärtsgang ein: Endlich, es ging zurück ins Dorf. Am Hafen warteten schon einige Inselbewohner. Neugierig, fragend, wie der Fang denn sei. Mir konnte es egal sein. Fischer-Romantik? Weder jetzt, noch eben.


Geschrieben 18.06.2016, Geändert 18.06.2016, 3350 x gelesen.

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Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar von Janis74 vom 24.06.2016 22:16:02

Mein weißer Bruder, ich danke Dir.



Kommentar von Richi vom 21.06.2016 17:27:59

Mensch Janis,
gefällt mir gut. Schõn geschrieben. Als wärst du selbst dabei gewesen.
Gruß,
Karl Mai