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Me to Leoforio – Komödie in 3 Akten

Von Kassandra60

Busfahren in Griechenland, das sind Erlebnisse ganz besonderer Güte. Man könnte Bücher damit füllen, mit der technischen Beschaffenheit der Busse angefangen über Herkunftsgeschichten der Busse bis hin zu den Fahrern, die ihre Kunst beherrschen wie Artisten in der Manege - ohne Netz und doppeltem Boden.
Doch über all das will ich hier mal nicht erzählen, sondern nur über – ach, lest am besten einfach weiter, wie es mir so ergangen ist ;-)

Me to Leoforio – Komödie in 3 Akten
Hier auf Chios gibt es eine Menge Autobusse – da sind erst mal die sogenannten Überland-busse, die „Green-Line-Busse“, die auch weiter entfernte Ziele anfahren. Die Blue-Busses sind die Stadtbusse, die jedoch nicht ausschließlich in der Stadt herumfahren, sondern auch die Dörfer der Umgebung ansteuern, die Schulkinder transportieren. Mit diesen Bussen kommen die Dorfbewohner in die Stadt und wieder nach Hause.
Wir lieben die Autobusse hier auf Chios, bringen sie doch auch uns doch jedes Mal irgendwoanders hin – die Nähe zu den Einheimischen inbegriffen.
Unsere erste Fahrt mit einem dieser blauen Busse wollten wir zu Lidl machen. Nein, nicht weil wir dort einkaufen wollten, denn wir gehen nie in deutsche oder andere Supermarktketten – weder in GR noch in E. Wir wollten ganz einfach Jannis in seinem Büro besuchen, welches sich gleich hinter dem Lidl befinden sollte und der sollte in Karfas sein.
Also ging es Montag nach Karfas. Natürlich fahren die Busse nicht direkt nach Karfas, unse-rer nahm den Weg über Kambos und Thymiani. Das ist so, als führe man von Köln über Brüssel nach Düsseldorf. Was soll‘s, wir haben Urlaub, wir haben Zeit und genossen die Fahrt durch die Landschaft. Aber hier soll Lidl sein? So angestrengt wir auch Ausschau hielten, einen Lidl sahen wir nicht. Was sollte der auch wohl in diesem kleinen Nest Karfas, in dem es jetzt noch nicht einmal viele Touristen gab? Ganz plötzlich rauschte das Ortsausgangsschild von Karfas wieder an uns vorbei - und ehe wir es uns versehen hatten, waren wir schon wieder in Chios-Town.
Das Büro von Jannis hatte ich nicht gefunden – der Komödie erster Teil.
Nein, nein, der Lidl ist ja auch nicht in Karfas, erklärte mit Fotini abends lachend, als wir von unserer herrlichen Tour durch die Dörfer erzählten, der sei an der Straße nach Karfas in der Nähe des Airport von Chios.. Aha, das war also das erste Missverständnis und morgen ist ein neuer Tag.
Auf geht’s wieder zum Ticket-Schalter der blauen Busse der KTEL. Der Bus zum Airport fährt in wenigen Minuten ab, auch dieser Bus fährt über Karfas! Und wieder machten wir die Runde Kambos, Thymiani, Karfas und erreichten den etwa 3 km entfernten Flughafen schon nach 53 Minuten! Dafür kostete das Ticket auch nur 1,10 €, der Preis macht sich wahr-scheinlich an der Kilometerentfernung fest und nicht daran, dass man um dahin kommen zu wollen erst die Runde über die halbe Insel machen muss.
Hier in der Nähe des Airport muss es also sein, der Lidl und auch das Büro von Anemos, wo ich Jannis besuchen wollte. Wir marschierten zielstrebig los, vermuteten wir unser Ziel ja in dem Viertel, wo wir ja auch schon einen anderen Supermarkt gesehen hatten. Wir waren schon eine ganze Weile gelaufen, als wir uns endlich ein Herz fassten und in einem Elektro-laden nach dem Weg zum Lidl fragten. „Ohhh, der ist weit weg, da könnt ihr nicht hinlaufen. Habt ihr kein Auto? Das ist etwa 1 Stunde zu Fuß in die Richtung, aus der ihr gerade ge-kommen seid.“ Oh Mann, wir waren in die falsche, in die entgegengesetzte Richtung gelau-fen. Sollen wir noch mal zurücklaufen? Da machte aber mein Partner nicht mehr mit und unverrichteter Dinge kehrten wir zu Fuß zurück in die Stadt.
Nun war mir aber wirklich nach einem Frappee und einer grooooßen Portion Loukoumades – das war der Komödie zweiter Teil.
Den nächsten Tag machten wir mal zur Abwechslung wieder einen richtigen Ausflug mit ei-nem der grünen Überlandbusse und für einen weiteren Versuch, Jannis in seinem Büro zu besuchen, hatte mein lieber Mann keine Lust. „Da kannst du morgen alleine hinfahren, für morgen haben sie eh Regen angesagt!“
Diesmal wollte ich es schlauer anstellen und fragte direkt nach einem Bus zum Veropoulos, Veropoulos ist einer der größten Supermärkte von Chios und ist auch wohl dort in der Nähe. Dieser Bus führe erst um 9 Uhr erklärte der Ticketverkäufer und drückte mir wieder ein Ti-cket für 1,10 € in die Hand. Es war ja erst 8:30 Uhr und viele Busse kamen. Bin ich froh, dass ich wenigstens lesen kann, wohin sie fahren und ein ganz klein wenig weiß, wo die Orte liegen, so musste ich nicht bei jedem Bus extra nachfragen. Aber man kann nie wissen, welche Wege sie nehmen ;-)
Mit ein wenig Verspätung kam er dann endlich, der Bus. Ja, in der Nähe des Flughafens kä-men wir vorbei und auch bei Veropoulos, erklärte der Fahrer und ich setzte mich gleich rechts in die erste Reihe, damit er mir direkt Bescheid geben könnte, wenn ich aussteigen muss. Und wieder ging es zunächst quer durch die Gassen der Stadt, die ich ja schon alle kenne. Es sind wirklich schon echte Fahrkünstler, die griechischen Busfahrer und gute Nerven brauchen sie allemal. Wie oft werden sie durch falsch parkende Autos behindert oder es geht gar nichts mehr, weil irgendjemand mal eben eine Zeitung, ein paar Zigaretten oder einen Cafe to go kaufen muss und sein Fahrzeug mal eben kurz – oder auch mal für länger – einfach mitten auf der Straße stehen lässt. Auch für einen Schwatz mit dem Nachbarn lässt man sein Fahrzeug einfach mitten auf der Straße stehen. Das erklärt dann natürlich auch, dass die Busse hier ja gar nicht pünktlich sein können. Straßenzustände und Staus sind auf dieser Insel eher weniger die Gründe für Verspätungen als herumstehende herrenlose Fahrzeuge. Heute hatten wir mindestens vier dieser Situationen und dann kamen wir irgendwann nicht um die Ecke, weil der Fahrer eines abgestellten Motorrollers trotz mehrfachen Hupens nicht ausfindig zu machen war. So stieg der Busfahrer aus und schob den Roller einfach aus der gelben Parkverbotszone.
Heute ging es auch wieder durch Kambos, jedoch eine andere Strecke. Wohin um Himmels willen fährt der Bus denn heute? Auch durch Thymiani kamen wir heute, allerdings durchfuh-ren wir noch jede Menge anderer Dörfer. Es war eine wunderschöne Fahrt, doch sie dauerte und dauerte. Große Gedanken machte ich mir eigentlich nicht, irgendwann wird der schon in der Nähe des Airports sein, dachte ich, die Fahrt, die Dörfer mit ihren Häusern und blumen-geschmückten Gärten genießend. Schulkinder waren an den unterschiedlichsten Stationen eingestiegen. Und irgendwann, nach etwa einer Stunde Fahrt, da sah ich weit in der Ferne das gelbrotblaue Lidl-Schild. Nun kann es nicht mehr lange dauern, auch der Zaun des Air-ports war schon zu sehen. Aber was macht er nun? Warum biegt er denn links statt rechts ab? Ach, er wird schon noch irgendwann dort ankommen, wo ich hinwill; nein, ich machte mir keine Gedanken darum und auch nicht um das grinsende Gesicht meiner besseren Hälfte, wenn er von dieser neuen Odyssee hören würde. Diesmal war er ja zu Hause geblieben. . Auf einmal befanden wir uns auf dem Hof einer Schule, wo ein paar der Schüler ausstiegen. Weiter ging’s und dann kamen wir wieder in ein Viertel, wo Gewerbebetriebe rechts und links die Straße säumten. Jetzt muss ich aufpassen, jetzt muss es aber wirklich bald kommen.
Und dann kam es tatsächlich – aber WAS? Mir fielen die Augen fast aus dem Kopf, als ich realisierte, was ich sah. Nein, das war nicht der Lidl und auch nicht der Laden von Veropoulos und schon gar nicht das Büro von Jannis – ich sah die Gassen und Straßen und Geschäfte von Chios-Town und das Hafenbecken, in dem gerade die Fähre von Lesbos angelegt hatte und in wenigen Minuten waren wir wieder am Busbahnhof der blauen Busse. Jannis Büro hatte ich immer noch nicht gefunden – das war der Komödie dritter Teil.
Und dann nahm ich mir kurzerhand ein Taxi und stand binnen weniger Minuten in Jannis Büro.
Ich glaube, in diesem Urlaub brauche ich keinen Leihwagen; die Busfahrten sind einfach nur schön und herrlich abenteuerlich. Ich glaube, dass ich in einem Leihwagen nur halb so viel erlebe und nur halb so viel Spaß haben würde.
Ach ja, während ich über die Insel fuhr auf der Suche nach einem Bekannten von vor 25 Jah-ren, in der Zeit wohnte meine „bessere“ Hälfte, der ja kein Wort griechisch versteht, einen Vormittag lang den Gerichtsverhandlungen von Chios bei. Aber das, das ist schon wieder eine andere Geschichte.


Geschrieben 25.05.2012, Geändert 25.05.2012, 1988 x gelesen.

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